Ikarus-Projekt Mission Statement

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Ikarus-Projekt Mission Statement

Unsere Intention:

Das Ikarus-Projekt strebt eine neue Kultur und eine neue Sprache an, die unseren tatsächlichen Erfahrungen von „psychischer Krankheit“ entsprechen und die konventionellen Rahmen überwinden, innerhalb derer versucht wird, unsere Leben zu kontrollieren. Wir sind ein Netzwerk von Menschen, die mit Erfahrungen leben, die gewöhnlich als „bipolare Störung“ oder verwandte Krankheit kategorisiert werden. Wir glauben jedoch nicht, dass es sich hier um Störungen oder Krankheiten handelt, die unterdrückt und eliminiert werden müssen, sondern um Talente, die gewisse Gefahren in sich bergen – als solche bedürfen sie sowohl Förderung als auch Pflege. Wenn wir uns als Individuen und als Gemeinschaft verbinden, kann die Verwobenheit von Wahnsinn und Kreativität Hoffnung schaffen – Hoffnung auf Veränderung in einer Welt der Verdrängung und des Leids. Unser Engagement im Rahmen des Ikarus-Projekts hilft uns dabei, Entfremdung zu überwinden und das Potential freizulegen, das dort liegt, wo Brillanz und Wahnsinn aufeinandertreffen.

Unsere Vision:

Wir wollen gemeinsam einen neuen, freien Raum für extreme Bewusstseinszustände schaffen, sowie Alternativen zum medizinischen Modell und dem traumatischen Vermächtnis psychiatrischen Missbrauchs. Wir leben in einer verrückten Welt und bestehen darauf, dass unsere Empfindungen, Phantasien und Eingebungen nicht notwendigerweise Krankheitssymptome sind. Ein Zusammenbruch kann auch der Beginn eines Durchbruchs sein. Wir wollen, dass es mehr Möglichkeiten gibt, mit emotionalen Problemen umzugehen, und dass alle, unabhängig von finanziellen Mitteln, Zugang zu diesen Möglichkeiten haben. Teil der Ikarus-Vision ist der Respekt für Vielfalt, das Bemühen darum, Leid soweit wie möglich zu begrenzen, und Selbstbestimmung zu fördern, was den Umgang mit unseren Erfahrungen anlangt. Alle sind willkommen, egal ob sie Pharmazeutika nehmen oder nicht, egal ob sie diagnostische Kategorien akzeptieren oder nicht. Um unsere Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu sichern, akzeptieren wir keine Förderungen von pharmazeutischen Unternehmen. Wir laden alle ein, die die Ikarus-Vision teilen, sich uns anzuschließen, und den Namen „Ikarus-Projekt“ – oder auch jeden anderen – für Projekte zu verwenden, die von dieser Vision inspiriert werden.

Unsere Arbeit:

Das Ikarus-Projekt ist ein kollektives, basisdemokratisches Abenteuer, das von gegenseitiger Inspiration und Hilfe angetrieben wird. Die Organisationsform, mithilfe derer wir versuchen, die Ikarus-Vision Wirklichkeit werden zu lassen, besteht aus einem nationalen MitarbeiterInnen-Kollektiv und einem basisdemokratischem Netzwerk autonomer lokaler Gruppen. Die Ikarus-MitarbeiterInnen folgen der Ikarus-Vision und versuchen, die lokalen Gruppen auf verschiedene Weisen zu unterstützen: durch Webseiten, den Vertrieb von Printmedien, Öffentlichkeitsarbeit, materielle Ressourcen, Know-how, Kunst, Beratung, Infrastruktur, technische Assistenz, Inspiration, Solidarität und administrative Aufgaben. Die lokalen Gruppen versammeln Menschen vor Ort, um einander zuzuhören, von- und miteinander zu lernen, sich gegenseitig zu unterstützen, künstlerisch und politisch aktiv zu sein, Alternativen zu erarbeiten – sowie um alle kreativen Projekte zu entwickeln, die sie sich erträumen können.

Unsere Prinzipien:

Das Überwinden des medizinischen Modells. Während wir alle Entscheidungen respektieren, die Menschen bezüglich ihrer Behandlung treffen, definieren wir uns nicht als krank, gestört, defekt oder mangelhaft. Außerdem lassen wir uns nicht von DSM-IV-Diagnosen kategorisieren. Wir erforschen unbekanntes Land und brauchen dazu keine der von ÄrztInnen oder Pharmakonzernen vorgegebenen Karten – wir zeichnen unsere eigenen.

Offenheit und Respekt für Vielfalt. Wir heißen Menschen, die Psychopharmaka nehmen, genauso willkommen wie Menschen, die das nicht tun. Gleichermaßen heißen wir Menschen, die Begriffe wie „bipolar“ auf sich anwenden, genauso willkommen wie Menschen, die sich nicht mit solchen Begriffen identifizieren. Wir schließen Menschen nicht auf der Basis von Politik, Lebensstil, Drogengebrauch, „kriminellem“ Verhalten oder Identitäten, die außerhalb des Mainstreams liegen, aus. Wir haben alle voneinander zu lernen und die Entscheidungen anderer zu respektieren. Während das gegenwärtige soziale System und das medizinische Modell die Tendenz haben, uns zu spalten, wollen wir, dass uns unsere Erfahrungen des Wahnsinns – wie wir sie verstehen – vereinen.

Das Erarbeiten von Alternativen. Vieles von dem, was uns die Medien, das medizinische Establishment und soziale Institutionen über „psychische Krankheit“, Pharmazeutika und darüber, wie wir unsere Leben zu gestalten haben, erzählen, ist schlicht nicht wahr. Wir müssen uns selbst informieren und gemeinsam bilden. Alles, was wir im Fernsehen hören oder in medizinischen Broschüren lesen, muss in Frage gestellt werden. Wir erforschen holistische und spirituelle Wege, was den Umgang mit unseren Bewusstseinszuständen angeht. Wir lernen soviel wie möglich über die medizinische Behandlung, die wir anwenden, und bestärken einander darin, diesbezüglich eigene Entscheidungen zu treffen. Ikarus ist ein Schutzraum für Menschen, die außerhalb des Mainstreams denken und ihre eigenen Definitionen von Gesundheit entwickeln.

Das Ablehnen von Hierarchie und Repression. Die lokalen Gruppen des Ikarus-Projekts müssen antiautoritär und offen sein und gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie, ökonomische Ungerechtigkeit und andere Formen von Unterdrückung arbeiten. Wir sind ein politisch radikales Unterstützungsnetzwerk für Fragen, die psychische Gesundheit betreffen. Mit uns verbundene Gruppen schaffen sichere und herausfordernde Räume, wo repressives Verhalten nicht toleriert wird.

Die Ausgewogenheit von persönlicher Gesundheit und politischer Aktion. Ikarus ist ein Ort, wo wir einander durch das Praktizieren wirklicher Selbsthilfe unterstützen: wir stellen sicher, dass wir unsere persönlichen Lebensgrundlagen wie Nahrung, Ruhe, körperliche Betätigung und Gemeinschaftserlebnis nicht vernachlässigen; wir ermutigen einander dazu, nur die Arbeit zu tun, die wir wirklich tun können, und uns nicht zu zwingen, unsere Grenzen zu überschreiten; wir regen einander an, unseren Alltag so zu gestalten, dass wir unsere Träume leben und gleichzeitig genug Struktur haben, um uns orientieren zu können.

Offenheit. Wir brauchen nicht weitere Alternativen, die sich nur die Reichen leisten können. Alle Ikarus-Treffen folgen der Regel, dass niemand aufgrund fehlender Mittel abgewiesen wird. Wir wollen, dass die Alternativen, die wir schaffen, allen zugänglich sind.

Gewaltlosigkeit. Wir glauben, dass wir Veränderung in der Welt durch Dialog, verständnisvolles Zuhören, gegenseitige Hilfe und basisdemokratische Netzwerke schaffen, die eine lebensfähige Alternative zu dem gegenwärtigen, von Regierung, Bürokratie, Herrschaft und Konzernkultur gekennzeichneten System bilden.

Transparenz. Wir glauben, dass es wichtig ist, dass unsere Entscheidungsprozesse, unsere finanzielle Verwaltung, unsere Aufgabenverteilung bzw. unsere organisatorische Arbeit im Allgemeinen öffentlich einsichtig sind.